Ich bin ein
Schweinehund. Und das ist gut so. Jedenfalls war es das bis vor einiger Zeit. Aber jetzt ist alles anders. Jetzt liege ich auf der Couch. ›Narrative Therapie‹ nennt es der Doc. Das beste Mittel gegen eine
posttraumatische Belastungsstörung. »Wieso posttraumatisch?«, habe ich gefragt. »Ich stecke doch noch mitten drin.«
»Aha«, meinte er nur. »Fang trotzdem an.«
Ich
weiß sehr genau, wo ich anfangen muss. Aber zuerst werde ich mich wohl oder übel vorstellen müssen. Das tue ich ebenso selten wie ungern, denn wem bin ich schon willkommen? Außerdem ist ›innerer
Schweinehund‹ eine wirklich widerliche Wortschöpfung. ›Dirigent‹ hieße ich gern, ›Bonvivant‹ oder meinetwegen auch ›Dr. Feelgood‹. Ganz notfalls auch einfach ›Es‹, so wie von Doc Freud geprägt.
Mein Herrchen und Auslöser dieser ganzen Misere nennt mich ›Marvin‹, in Anlehnung an den depressiven, kleinen Roboter aus der Romanserie von Douglas Adams.
Also gut, dann: Ich bin Marvin. ›Es‹,
Schweinehund, innerer, gefangener, getretener, mit Füßen, die in Laufschuhen stecken. Nun ist es raus. Und ich kann anfangen.
***
»Es geht, schau mal, Marvin!«, gluckst er wie ein Huhn, das gerade sein erstes Ei gelegt hat.
»Warum?«, maule ich.
»Ich muss dir etwas zeigen. Und werd nicht gleich bleich, das hier wird dir gefallen!«
»Bestimmt nicht«, hauche ich.
Meine Stimmungslage ist ihm wie immer völlig egal. Er fährt
fort: »Hier, der Südrand des Grand Canyon. So weit kommt man mit dem Auto heran. Wenn man von hier aus den Nordrand auf der anderen Seite erreichen will, muss man diesen riesigen Umweg fahren.« Sein
Zeigefinger fährt auf der Karte den riesigen Umweg nach. »Aber hier!« Sein Zeigefinger stoppt am Nordrand und fährt dann einmal kurz direkt nach Süden. »Mitten hindurch ist es ein Zehntel der Strecke, nur
dreißig, höchstens vierzig Kilometer.«
»Sensationell«, gebe ich zurück. »Dass vor dir noch niemand darauf gekommen ist! Klar, wir fahren einfach mitten durch. Hoffentlich kriegen wir keinen
Ärger, wenn wir mit Fallgeschwindigkeit von oben in den Abgrund stürzen. In den USA darf man bestimmt nur mit maximal 60 Meilen pro Stunde den Möllemann machen.«
»Marvin«, schilt er. »Das ist
nicht politisch korrekt.« Als ob mich das interessieren würde. »Und wer redet von fahren?«
»Ich dachte…« Ich stocke, während das Entsetzen von mir Besitz ergreift. »Du willst da durch gehen?«,
hauche ich schließlich.
Jetzt fangen seine Augen an zu funkeln. »Nicht gehen, Marvin. Wir laufen hindurch. Vom Südrand zum Nordrand, in einem Rutsch. Ist das nicht toll?«
Ich schweige wie vom Donner gerührt.
»Um das zu schaffen, werden wir das Training ein wenig intensivieren müssen, Marvin.«
Es ist der 24. November. Ein ganz normaler Tag. Aber ab
heute wird nichts mehr, wie es mal war. Sechs Monate sind es, bis uns der nächste Familienurlaub am Grand Canyon vorbeiführen wird. Sechs Monate, in denen er Wege beschreitet, die ihn weitab der Grenzen von
Normalität und Alltag führen. Sechs Monate, in denen ich erfolglos versuche, ihm dieses vernunftbereinigte Vorhaben auszureden.
Viel zu aufwändig wäre es, den Horror dieser Zeit in allen
Facetten wiederzugeben. Drei Fallbeispiele reichen völlig aus, um meine Verzweiflung zu verstehen.
Fallbeispiel Eins: Training.
Weil wir in Hamburg wohnen, laufen wir viel an
der Alster, häufig nach Feierabend vom Büro aus, wo wir uns duschen und umziehen können. Und irgendwann laufen wir dort unsere erste fünfte Alsterrunde. Selbstverständlich, nachdem wir bereits vier davon
intus haben. Mit Rucksack, weil wir den im Grand Canyon auch tragen werden. Eine Alsterrunde entspricht 7,4 Kilometern. Nach der ersten habe ich gebettelt, nach der zweiten gefleht, nach der dritten geflennt
und in der vierten laut nach Mama geschrieen, aber er ist weitergelaufen, obwohl seine Geschwindigkeit (und auch sein Laufstil) mittlerweile so heruntergekommen ist, als schlurfe er durch ein Becken voller
Bowlingkugeln.
Es ist ein sonniger Abend, und viele Leute sind an der Alster unterwegs. Wir treffen zum wiederholten Male ein Pärchen, das an der Uferwiese gegrillt hat. Wir haben bereits
gesehen, wie sie den Hinweg schlenderten, den Grill aufbauten und anheizten, picknickten, den Rotwein austranken, den Sonnenuntergang anschauten – und jetzt treffen wir sie auf dem Rückweg. »Oh Gott, die
wievielte Runde ist das denn jetzt eigentlich?«, fragen sie ihn. Er keucht: »Fünfte« und denkt, dass er sie dabei anlächelt. Aber er verzieht nur die wenigen Gesichtsmuskeln, die nicht verkrampft sind, in
willkürliche Richtungen; das Ergebnis ist furchteinflößend.
»Ahh...«, macht sie. »Ähh…«, macht er. Wie sehr ich sie um ihren abendlichen Alsterausflug beneide! Und wie sehr ich unseren
Alsterausflug verabscheue!
Dass er es mit diesem Trainingslauf übertrieben hat, ahnt er schon unterwegs, merkt es aber mit voller Härte erst am Ende der fünften Runde, als wir an einer roten
Fußgängerampel anhalten müssen. Sofort verebbt der Strom der Endorphine, und bislang eingelullte Schmerzen erwachen mit einem Aufschrei. Er kann nicht mehr weiterlaufen. Er kann kaum weitergehen. Etwa 800
Meter haben wir noch bis zum Büro, wo Umkleide und Dusche warten. Davon schafft er 770. Wir können das Gebäude schon sehen, aber die Beine können es nicht erreichen, der Schmerz ist zu groß. Er muss sich auf
eine Stufe setzen.
In unseren Oberschenkeln feiern die freien Radikale gerade Walpurgisnacht. Ein Griff in die Steckdose würde die Muskeln jetzt wahrscheinlich merklich entspannen. Nach zehn
Minuten kann er sich aufraffen. Aber schon in der Dusche tragen die Beine erneut nicht mehr, und er muss sich im Sitzen abseifen. »Und wenn jetzt jemand reinkommt?«, zische ich.
Das wäre ihm
egal, meint er. Aufstehen könne er jedenfalls noch nicht. Aber gleich würde es bestimmt besser werden.
Schließlich schaffen wir es bis nach Hause. Die Kinder sind schon lange im Bett, Kirsten
macht eine eher spöttische Bemerkung über sein Erscheinungsbild. Das ist ihm wurscht, er trinkt erst einmal flaschenweise Wasser, frisst alle Reste des Abendbrotes vom Tisch, dazu den Kühlschrank leer und
alle Süßigkeitsvorräte auf und will sich gerade noch eine Familienpizza mit extra Käse bestellen, als eine bleierne Müdigkeit von ihm Besitz ergreift.
Beim Einschlafen merkt er, dass unser Herz schneller und lauter schlägt als sonst.
»Heute haben wir eine Grenze erreicht, Marvin«, flüstert er andächtig.
»An diese Grenze will ich nie, nie wieder.«
»Musst du auch nicht, denn wir werden sie verschieben. Wir erobern das Territorium dahinter und machen es uns untertan.«