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Die Kunst zu siegen –
Meine Erfolgsgeschichten von acht Siegen bei der Tour de France

PROLOG

„Die Kunst zu siegen“

Wenn du schon die Anstrengung auf dich nimmst, dich auf einen Wettkampf vorzubereiten, dann kannst du auch gleich alles geben, was zum Siegen nötig ist.

WIE WAR DAS DAMALS?
Das ist eine der zwei Fragen, die mir am häufigsten gestellt wird.
Wenn jemand erfährt, was mein Beruf ist – und mit wem ich diesen ausgeübt habe – dann lautet die erste Frage in der Regel: Wie war das damals, mit Lance Armstrong zusammenzuarbeiten, dem ehemaligen Krebspatienten, dem Helden, dem siebenmaligen Gewinner der Tour de France, dem größten Sportler der Welt? Die Antwort klingt wie so viele Antworten, die ich im Leben – und während der Tour de France – gefunden habe, vermeintlich einfach.

Sie müssen sich das so vorstellen, erkläre ich dann in der Regel: Sie warten in einer Schlange an der Haltestelle, um in einen alten, quietschenden Stadtbus einzusteigen, als Sie plötzlich jemand schnappt und in das Cockpit eines dröhnenden und donnernden Düsenjets steckt. Oder Sie sind zu einer Schachpartie eingeladen und müssen völlig unerwartet feststellen, dass Ihr König keine gewöhnliche Spielfigur, sondern ein einzigartiges Fabelwesen ist. Sie müssen ihn nicht vor Angriffen des Gegners schützen, da er selbst attackieren kann. Dabei zieht er schneller und weiter als jede andere Schachfigur.

Die Leute verstehen in der Regel, was ich meine: Antriebskraft, Adrenalin und Stärke.
Aber oft verstehen sie die zweite Hälfte dieser Analogien nicht – und dies ist die wichtigere Hälfte für einen Sieg. Wenn ein Laie einen Düsenjet fliegt, wird er wohl eher zum Bruchpiloten als zum ruhmreichen Helden. Spielt ein Schachanfänger mit einem Super-König – oder mit zweien oder sogar dreien – gegen einen Großmeister, der Hunderttausende Partien studiert hat, jede nur erdenkliche Eröffnungs- und Endstrategie auswendig kennt und zehn Züge im Voraus denken kann, so wird trotzdem der Großmeister die Partie gewinnen. Denn ohne geistige Leistungsfähigkeit ist Muskelkraft nutzlos.

Viele Leute – besonders solche, die sich im Radsport auskennen und denen die enge Beziehung zwischen Teamchefs und den besten Fahrern eines Teams bekannt ist – stellen dann auch die alles entscheidende zweite Frage: Wären du oder Lance jemals so erfolgreich gewesen, wenn ihr euch nicht getroffen hättet?

Die Antwort hierauf ist nicht einfach. Lance Armstrong und ich haben zum perfekten Zeitpunkt zueinander gefunden. Wir waren beide schon recht erfolgreich gewesen, als wir uns kennen lernten, aber keiner von uns hatte seine eigentliche Berufung entdeckt, die uns auf den Gipfel unserer Sportart und unseres jeweiligen Potenzials bringen würde.

1998 war ich vierunddreißig Jahre alt und gerade von einer zwölfjährigen Karriere als Radprofi zurückgetreten, deren größte Momente – ich gewann zwei Etappen der Tour de France und trug das gelbe Trikot des Gesamtführenden – mehr auf Gerissenheit und Taktik als auf meinen physischen Fähigkeiten beruht hatten. Ich hatte zwar den Kopf und das Herz, aber leider nicht den Motor eines Champions. Zu meinen Spitzenzeiten konnte ich manchmal einige der Besten schlagen, aber aufgrund meiner körperlichen Voraussetzungen musste ich akzeptieren, dass ich niemals die Tour de France gewinnen konnte.

Ich war mein ganzes Leben lang Radrennen gefahren und am Ende meiner aktiven Karriere unschlüssig, wie es jetzt weitergehen sollte. Als Kind war ich überzeugt davon gewesen, dass ich einmal ein großer Champion werden würde, aber meine Karriere hatte mich eines Besseren belehrt. Ich war über das, was ich erreicht hatte, nicht direkt enttäuscht, aber ich machte mir auch nichts vor. Einerseits war ich durchaus erfolgreich gewesen – ich war auf dem höchsten erdenklichen Niveau und mit einigen der größten und schillerndsten Figuren meiner Sportart Radrennen gefahren und hatte ein Leben gelebt, von dem wohl jeder junge Radsportler träumt. Ich hatte jedes Jahr neue Räder, Trikots, Kleidung sowie viele weitere Dinge erhalten, die mir ein sorgenfreies Leben ermöglichten. Für Radsportler, die den Sprung in den Profibereich nicht geschafft hatten, lebte ich einen Traum. Das war mir durchaus bewusst, und ich genoss dies ja auch. Aber andererseits wusste ich tief in mir, dass ich meinen Sport nicht so geprägt hatte, wie ich es mir als Kind erträumt hatte.

Ich spielte mit dem Gedanken, mich um den Vorsitz der Vereinigung der Profiradsportler zu bewerben, die damals schwach und schlecht organisiert war und die Belange der Sportler nicht wirklich gut vertrat. Ich wollte den Fahrern zeigen, wie sie schnell etwas erreichen könnten, wenn sie gemeinsam an einem Strang zögen, zum Beispiel ein Anheben der untersten Gehaltsstufen (in denen ein Fahrer selbst nach Jahren der Aufopferung gerade so im fünfstelligen Bereich liegt), Verträge mit mehr Garantien und bessere Versicherungsoptionen. Das alles hätte den Radsport zwar nachhaltig verändern können, aber nicht so, wie ich es mir für mich vorgestellt hatte.

Außerdem hätte ich natürlich auch als Werbeträger für eine Rennserie fungieren oder für irgendein Team im Bereich Sportmarketing arbeiten können. Schließlich habe ich als junger Amateurfahrer in Belgien nebenher Marketing studiert. Ich fand es schon immer faszinierend, wie abstrakten Ideen Leben eingehaucht wird und diese dann anschließend der Menschheit präsentiert werden. Ein guter Marketingspezialist kann aus jedem nur erdenklichen Thema etwas Interessantes gestalten. Der logische, methodische Ablauf von der Entstehung einer Idee bis hin zu ihrer Präsentation vor der Öffentlichkeit gefällt mir. Mein Sprachtalent – ich spreche fünf Sprachen fließend, von denen mir einige schon zu Schulzeiten mehr oder weniger zugeflogen sind – hätte mir außerdem dabei geholfen, jede erdenkliche Botschaft in jedem europäischen Land, in dem der Profiradsport populär ist, rüber zu bringen.

Eine dieser beiden Optionen schien mir der natürliche nächste Schritt zu sein. Und trotzdem unternahm ich nichts, weder in die eine noch in die andere Richtung. Mir war klar, dass meine aktive Karriere ein Ende hatte. Trotzdem wusste ich, dass ich dem Radsport nicht endgültig den Rücken zudrehen konnte, ohne für den Rest meines Lebens das Gefühl zu haben, von meinem Sport irgendwie besiegt worden zu sein.
Und das Triumphgefühl eines Sieges überwiegt bei mir niemals die Schmach einer Niederlage.

Es mag jetzt seltsam erscheinen, dass ich keinen Gedanken daran verschwendete, ein Teamchef zu werden – eine Stellung, die zwar häufig mit der eines Basketballcoachs oder Fußballtrainers verglichen wird, die aber eher Geschäftsführer und Coach in einer Person vereint. Man stellt die Mannschaft auf, tüftelt Rennpläne für die Saison und für jedes einzelne Rennen aus, trifft wichtige Entscheidungen, organisiert, motiviert und achtet darauf, dass die Sportler diszipliniert trainieren. Aber man kümmert sich auch um die Teammitglieder, die hinter den Kulissen agieren: die Teamleitung, Sportliche Leiter, Mechaniker, Masseure, Ärzte, Büroangestellte, einen Anwalt, ein PR-Team sowie einen Busfahrer und einen Küchenchef (unsere Mannschaften U.S. Postal Service und Discovery Channel hatten bei bis zu 28 Fahrern 40 weitere Teammitglieder). Ich hatte eigentlich nichts dagegen, ein Teamchef zu werden, nur hatte ich mir nie Gedanken darüber gemacht. Warum auch? Wer würde mich schon engagieren? Schließlich hatte ich keinerlei Erfahrung.

Selbst wenn ich über die notwendige Erfahrung verfügt hätte, hätte das Team von Lance (damals U.S. Postal) wahrscheinlich nicht ganz oben auf meiner Wunschliste gestanden. Sie waren, wie Lance es selbst einmal ausdrückte, ein „bunt zusammengewürfelter Haufen aus Rädern, Autos, Bekleidung und Ausrüstung“. Das Budget der gesamten Mannschaft lag bei drei Millionen Dollar und war damit niedriger als das Jahresgehalt einiger der besten Rennfahrer.

Und was Lance selbst anging – na ja, er war eben noch nicht LANCE, die sprichwörtliche Verkörperung von Hoffnung, menschlichem Potenzial und Triumph, die später aus ihm wurde. Er verfügte natürlich schon über die Besessenheit, den Antrieb und die physischen Fähigkeiten, die ihn später ausmachen sollten. Aber dies alles hatte sich noch nicht zu einer Einheit gefügt, und es war auch ganz natürlich, dass dies bis dahin noch nicht geschehen war. Mit seinen siebenundzwanzig Jahren war er an seiner Erfahrung gemessen noch ein Grünschnabel im Peloton, wie das Hauptfeld in einem Radrennen genannt wird. Er hatte seine Laufbahn als äußerst viel versprechender Spezialist für Eintagesrennen begonnen (Sieg bei den Straßenweltmeisterschaften mit einundzwanzig Jahren und bei zwei Etappen der Tour de France), bevor ihn der Krebs gestoppt hatte. Aber sein Comeback war von vielen Rückschlägen (Rennausstiege) und knappen Niederlagen (vierter Platz bei der Spanien-Rundfahrt, einem spät in der Saison stattfindenden Etappenrennen) gekennzeichnet. Er war noch kein Tour-de-France-Champion. Er war eine Art Experiment.

Wir waren in vielerlei Hinsicht das genaue Gegenteil. Ich stamme aus einer großen glücklichen Familie im radsportverrückten Belgien, wo der Radsport in seiner Beliebtheit nur vom Fußball übertroffen und an fast zweihundert Tagen im Jahr im öffentlichen Fernsehen ausgestrahlt wird, wo – ganz egal, wo man wohnt – fast jeden Tag ein Rennen in der Nähe stattfindet, das Tausende von Zuschauern anzieht und wo vielversprechende Talente bereits als Teenager von örtlichen Fans und Trainern angefeuert und gefördert werden, die ihnen ihre Ausrüstung kaufen und für ihre Ausgaben aufkommen. Solange ich denken kann, war ich von Radfahrern umgeben und wollte immer einer von ihnen sein, so wie fast alle deutschen Kids irgendwann in ihrem Leben einmal Fußballprofi werden wollen. In meiner Familie und meinem Freundeskreis saßen wir mindestens jeden zweiten Tag auf dem Rad, und am Wochenende fanden immer zwei bis drei Rennen in der Nähe statt. Hinzu kamen einige weitere unter der Woche. Dabei waren die Geschwindigkeit hoch, die Kurven eng, die Straßenbedingungen schrecklich, und Regen und Wind unsere ständigen Gegner.

Ich war körperlich talentiert genug, um bereits als Kind einige Erfolge zu feiern. Ich wurde auf lokaler Ebene ein Star, dann als Teenager eine regionale Größe und schließlich eine Bedrohung auf nationaler Ebene. In meinen Zwanzigern stellte ich fest, dass ich das notwendige Etwas besaß, um mit den Besten der Welt mithalten zu können. Diese Entwicklung war schon fast eine typische Karriere – in Belgien galt man zwar als glücklich, talentiert und entschlossen, wenn man es zum Radprofi brachte, aber man war keineswegs etwas Außergewöhnliches. Man hatte einfach das erreicht, was schon vielen anderen belgischen Sportlern gelungen war.

Als ich jedoch damit begann, Wettkämpfe mit anderen Weltklassesportlern zu bestreiten, wurde mir schnell klar, dass ich Rennen nicht wie früher dominieren würde, als ich noch gegen meine Freunde und andere Jungs, die ich seit Ewigkeiten kannte, gefahren war. Aber ich merkte, dass ich hier und da einen Sieg herausfahren konnte, wenn ich meinen Kopf und mein Herz gemeinsam einsetzte. Ich wurde zu einer Art Schwamm, der alle Eindrücke und jeden noch so kleinen Hinweis über Fahrer und ihre Form aufsaugte. So lernte ich manchmal mehr über meine Gegner, als diese wahrscheinlich über sich selbst wussten. Ich studierte Rennprofile, plante gewissenhaft Strategien für Eintagesrennen und eignete mir sowohl die Feinheiten als auch die tief verborgenen Geheimnisse dieses eigenartigen und mysteriösen Sports an, den ich so liebe.

Wenn beispielsweise zwei Fahrer aus dem Peloton angreifen und wegfahren, müssen sie zusammenarbeiten – jeder muss abwechselnd vorne im Wind fahren und dem jeweils anderen helfen, Energie zu sparen, so dass sie gemeinsam stark genug sind, um das jagende Feld auf Distanz zu halten. Aber sobald sie sich der Ziellinie nähern, müssen sie ab einem bestimmten Punkt wieder gegeneinander fahren. Genau der Fahrer, auf den man angewiesen war und mit dem man wie mit einem Bruder Kilometer für Kilometer und Stunde um Stunde hart zusammengearbeitet hat, wird von jetzt auf gleich zum erbittertsten Gegner. Dann versucht jeder verzweifelt, den anderen abzuschütteln – allerdings nicht zu früh, sonst wird man doch noch vom Hauptfeld eingeholt, während man versucht, sich alleine ins Ziel zu retten.

Es gibt nur wenige Strategien, um ein Radrennen – besonders ein Mehretappenrennen im Vergleich zu einem Eintagesrennen – zu gewinnen, und diese sind unglaublich einfach. Wenn man beispielsweise an einem Tag ein wenig Zeit auf seine Hauptgegner herausfährt, dann muss man diese an den folgenden Tagen nicht mehr distanzieren. Es genügt, immer an ihrem Hinterrad zu bleiben und so keine Zeit auf sie zu verlieren. Der Führende gewinnt also dadurch, dass er den anderen folgt. Es gibt keine Ausnahme von dieser Regel. Das wissen auch die Kontrahenten und müssen deshalb attackieren und immer wieder versuchen, den Führenden abzuschütteln. Das ist kein Geheimnis. Ein anderes Beispiel: Falls man ein bisschen Zeit verloren hat, schickt man den zweitstärksten Mannschaftskollegen zum Attackieren nach vorne, bevor man selbst angreift. Wenn er Erfolg hat und der Gruppe davonfährt, versucht er, den Abstand so groß werden zu lassen, dass er für den Gesamtführenden gefährlich wird, weshalb dieser dann aufhören muss, einem selbst hinterherzufahren und gezwungen ist anzugreifen. Dadurch nimmt wiederum  sein Erschöpfungszustand zu, und er ist bei einer späteren Attacke geschwächt. Falls ein Teamkamerad davonfahren kann, aber die Lücke nicht besonders groß wird, fährt er womöglich nur noch locker weiter und wartet auf seinen Kapitän. Wenn man dann angreift und den Gesamtführenden mit sich zieht (der ja keine andere Wahl hat, als einem zu folgen), wird man irgendwann auf seinen Teamkameraden treffen. Zusammen wird der isolierte Gesamtführende dann abwechselnd attackiert.

Jeder im Radsport kennt und versteht diese Handvoll Strategien. Das Entscheidende ist, dass es weltweit kaum jemanden gibt, der in dem Chaos und bei der Geschwindigkeit eines Radrennens diese auch konsequent und zum richtigen Zeitpunkt umsetzen kann. Nur wenige sind in der Lage, den Wahnsinn eines Radrennens außen vor zu lassen und sich auf die grundsätzlichen Strategien zu konzentrieren, ohne dabei wichtige Details des Streckenprofils oder einen kleinen Hinweis eines Kontrahenten auf seine Form außer Acht zu lassen. Die Strategien sind also simpel, nur leider verfügt der Radsport selbst auf niedrigstem Wettkampfniveau über kein so einfaches Element wie einen Ball, der für einen Sieg in ein Netz geschossen werden muss. Ich jedoch hatte meinen Spaß an diesen verwirrenden Abläufen, und ich lernte, mit Radsportlern mitzuhalten, die sehr viel talentierter waren als ich selbst.

Die meisten wissen wohl inzwischen, dass Lance mit labilen oder abwesenden Vaterfiguren aufwuchs und sich zusammen mit seiner allein erziehenden Mutter durch das Leben kämpfte, die viele Opfer brachte, um ihn mit dem bisschen, das sie besaßen, durchzubringen. Und das alles in einem Land, in dem Fahrräder von der breiten Öffentlichkeit eher als eine Art Kinderspielzeug und nicht als hoch entwickelte Sportgeräte betrachtet werden.

Während ich Teil einer langen Tradition war, als ich mit dem Radsport begann, war Lance stets die Ausnahme. Er gewann seine Rennen auch auf eine andere Weise als ich, nämlich mit geradezu urgewaltiger Kraft und Einsatz. Außerdem kümmerte er sich wenig um die Traditionen und unausgesprochenen Gesetze des Pelotons. Aber in den paar Jahren, in denen wir gegeneinander Rennen fuhren, ich als alternder Insider und er als frecher Grünschnabel, machten wir einige wichtige gemeinsame Erfahrungen – Momente großer Schönheit und unglaublicher Quälerei – durch die eine einzigartige Verbindung entstand. 1998 also, ich verabschiedete mich gerade vom Profisport, und Lance war auf der Suche nach etwas Neuem, fragte er mich, ob ich sein Teamchef werden wolle. Und dies war der perfekte Zeitpunkt für uns beide.

Sobald mir klar wurde, dass ich die Chance hatte, Lances Teamchef zu werden, verstand ich auch, warum ich die Entscheidung für meine anderen Karrieremöglichkeiten so lange hinausgezögert hatte. Plötzlich war es offensichtlich: Ich wollte nicht einfach nur einen Job. Ich wollte eine letzte Chance, endlich ein großer Champion zu werden. Hier war also meine Chance: die Möglichkeit, der beste Teamchef bei dem besten Rennen der Welt zu werden.

Die Tour de France ist eines der größten Sportereignisse der Welt und eigentlich sogar mehr als das: Die Tour ist wie das Leben selbst. Sie ist weder ein Spiel noch eine Serie von Spielen. Sie ist eine dreitausendfünfhundert Kilometer lange Odyssee, bei der Helden geboren werden und sterben, bei denen der Stern von einigen aufgeht, während der von anderen untergeht. Es gibt unbeschreibliche Triumphe und herzzerreißende Schicksale – und das nicht nur während einiger flüchtiger Momente, sondern über lange, die Zuschauer mitreißende Zeiträume hinweg. Es kommt zu Ausfällen und Krankheiten. Es werden Babys geboren, während die Rennfahrer weit von zu Hause entfernt sind. Tiefe Freundschaften entstehen, aber auch Rivalitäten. Es kommt zu Stürzen und Unfällen mit den Begleitfahrzeugen. Es gibt Betrüger – die hat es schon immer gegeben – wenn auch mit wechselnden Methoden. Jemand sagte einmal, dass die Tour de France die einzige Sportveranstaltung ist, die so lange dauert, dass man sich nach der Hälfte der Zeit die Haare schneiden lassen muss. Wenn ich behaupte, dass die Tour de France wie das Leben selbst ist, dann denke ich vor allem an diese Unordnung und den Ruhm. Hier hatte ich mir immer am meisten gewünscht und auch versucht, mich zu bewähren.

Mein Wissen über den Radsport und die Tour gab mir auch Aufschluss über Lance, diesen ehemals herausragenden Eintagesfahrer, der aber noch keine Tour de France zu Ende gebracht hatte und der eines der unglaublichsten Comebacks im Radsport, wenn nicht sogar im Sport insgesamt, versuchte. Ich schaltete mein Gehirn aus und hörte auf mein Herz.

Ich nahm den Job an. Dann sagte ich etwas Schockierendes zu Lance: „Ich denke, dass wir uns ausschließlich auf die Tour de France konzentrieren sollten.“
„OK“, antwortete Lance. „Auf welche Etappen? Ich kann bestimmt ein paar Etappen gewinnen.“
„Nein“, sagte ich. „Ich will dich auf dem Siegerpodest sehen. Ich will das ganze Ding gewinnen.“
Einen Moment lang sagte Lance gar nichts. Jahre später erzählte er mir: „Ich hielt dich zwar für verrückt, aber zu dem Zeitpunkt hatte ich ja nichts zu verlieren.“
„Pass auf“, sagte ich. „Wenn wir schon an der Tour teilnehmen, dann sollten wir auch versuchen, sie zu gewinnen.“
Nach einer Weile antwortete Lance: „OK, du hast Recht. Lass uns die Tour de France gewinnen.“

Es ging um die Kunst zu siegen. Ich war schon immer überzeugt, dass man, wenn man etwas versucht und sich dabei engagiert – ganz egal, ob es darum geht, die Tour de France zu fahren, sich für eine neue Arbeitsstelle zu bewerben oder die Fußballmannschaft seines Kindes zu trainieren – ebenso gut alles geben kann, was zum Siegen nötig ist. Man ist doch sowieso dort draußen, oder? Wieso soll man also nicht einfach alles geben und den Sieg erringen?

Die Theorie mag einfach klingen – aber es ist eine dieser Theorien, die gleichzeitig verzwickt und vielschichtig sind, so wie der Radsport selbst oder der Versuch zu erklären, wie es ist, mit Lance zusammenzuarbeiten.

Lance und ich nahmen sieben Jahre in Folge gemeinsam an der Tour de France teil – von 1999 bis 2005 – und wir gewannen sie sieben Mal. Aber was zum Siegen wirklich notwendig ist und wie man eine Niederlage in einen Sieg verwandelt, lernte ich endgültig, als ich im Jahr nach Lances Rücktritt die Tour nicht gewann.

Die Tour de France wurde zu meiner Feuerprobe. Ich ging aus ihr als einer der erfolgreichsten Teamchefs aller Zeiten hervor. Ich glaube nicht, dass man mit Hilfe einiger schicker Zehn-Punkte-Programme voller Schlagwörter und Stichpunkte ein Sieger werden kann. Ich bin der Auffassung, dass man selbst voll in das Leben, in die Rennen, in die Geschichten und die Erfahrungen von Sieg und Niederlage eintauchen muss. Ich glaube, dass man diese Erfahrungen selbst machen muss und sie nicht auswendig lernen kann. Und ich bin davon überzeugt, dass wir alle solche Chancen in unserem Leben bekommen. Jeden Tag haben wir mit Erfolgen und Niederlagen zu tun. Jeden Tag treffen wir auf Leute, die uns voranbringen oder bremsen können. Jeden Tag stehen wir vor der Wahl, entweder anzugreifen oder nur hinterherzulaufen. Manchmal ist es natürlich schwierig, herauszufinden, was als Nächstes zu tun ist oder zu wissen, ob man überhaupt das Richtige tut.

Ich bin fest davon überzeugt, dass Siegen mit dem Glauben daran beginnt. Das ist der rote Faden, der durch jede Geschichte dieses Buchs läuft, die einzige Konstante in meinem Leben: Ganz egal, was die Experten sagen, egal, worauf die Fakten hinzudeuten scheinen, egal, in welche Richtung ich durch Geld, Medien oder Fans gedrängt wurde – ich habe jede Entscheidung von Herzen getroffen, und wenn ich einmal eine Entscheidung getroffen hatte, setzte ich sie auch konsequent um. Für mich war eine Entscheidung immer wie der Sprung von einer Klippe: Es gab kein Zurück. Ich habe mir bewusst keinerlei Spielraum dafür gelassen, meine Entscheidungen im Nachhinein anzuzweifeln.

Das heißt aber nicht, dass ich diese Entscheidungen blind traf. Schließlich wollte ich nicht irgendwann unten aufschlagen und mir den Hals brechen. Ich wollte springen und fliegen. Es gehört viel Mut dazu, von einer Klippe zu springen. Wer fliegen will, war hoffentlich vor dem Absprung schlau genug, sich ein Segelflugzeug – oder besser einen Düsenjet – zu bauen (oder er müsste sich im Fallen sehr schnell etwas basteln).

Das vorliegende Buch ist weder eine Autobiografie noch eine umfassende Chronologie von jeder Tour de France, die ich zusammen mit Lance Armstrong und Alberto Contador gewonnen habe. Ich lasse vielmehr jene Momente Revue passieren, die mir besonders im Gedächtnis geblieben sind, die einfachen und doch tiefgründigen Geschichten darüber, wie ich gewonnen und verloren und dann wieder gewonnen habe – dank all der Dinge, die ich von Lance, der Tour de France, von vielen Radrennen, meinem Vater, meinem Team und nicht zuletzt von mir selbst gelernt habe.

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