Also, selbst wenn Triathlon noch nicht erfunden wäre, würde ich vermutlich doch genau die drei Sportarten machen, wenn auch vielleicht nicht alle mit der gleichen
Intensität wie jetzt. So, wie ich anfangs vor allem geschwommen und gelaufen bin, aber eher weniger Rad gefahren. Und würdest auch wieder Triathlon-Profi werden wollen?
Wahrscheinlich ja. Denn es gibt wohl nur wenige Berufe, bei denen man so viele Freiheiten und Möglichkeiten hat – ohne Chef und nur sich selbst gegenüber verantwortlich – wie als Profi-Sportler. Vor allem
als Triathlet. Fußballer sind ja doch in ihrem jeweiligen Verein stark eingebunden und stehen auch unter ganz anderer Beobachtung durch die Öffentlichkeit als wir.
War Profi-Sport schon immer Dein Traumziel?
Nein. Ich wollte mit 18 eigentlich Offizier werden, aber damals gab es derart viele Bewerber, dass ich beim Offizierstest nicht genommen wurde.
Wie und wann hast Du Dich dann also rein für den Sport entschieden?
Im Triathlon ist der Übergang vom ambitionierten Amateur zum Profi sehr fließend, anders als in anderen
Sportarten. Mit zunehmendem Erfolg bekommt man mal Ausrüstung umsonst oder ein paar kleinere Sponsorenbeträge. Der Trainingsaufwand ist aber de facto schon fast auf Profi-Niveau. Irgendwann wird die
parallele Belastung durch Sport und Ausbildung aber doch zu hoch.
Ich hatte dabei das Glück, schon früh sehr erfolgreich zu sein, als ich mich zwischen Studium und Sport entscheiden musste. Immerhin war
ich 2004 schon Zweiter in Roth geworden und konnte somit davon ausgehen, ein gewisses Talent zu haben. ;-)
Wobei ich offenbar länger gezögert habe, als die meisten anderen... Als ich nach Roth zwei
Bekannten erzählte, dass ich mir nicht sicher sei, ob ich mich nun rein auf den Sport konzentrieren solle, schauten sie mich völlig entgeistert an. Sie an meiner Stelle hätten sich das nicht zweimal
überlegen müssen.
Welchen Tipp würdest Du jemandem geben, der sich die Frage stellt, ob Profi-Sport für ihn das richtige ist?
Nun ja, im Topbereich gibt es durchaus auch im
Triathlon Geld zu verdienen, aber es erreichen nun mal nur sehr wenige Athleten die Spitze. Die meisten sind in der zweiten oder dritten Reihe und sollten möglichst nicht von ihren Einnahmen aus dem Sport
abhängig sein. Da kann auch zu schnell mal ein Unfall passieren. Von daher also würde ich unbedingt raten, auf gar keinen Fall die Schule oder das Studium abzubrechen, nur um Profi zu werden; zumindest aber,
wenn man nicht halbwegs sicher sein kann, dass es auch für die Spitze reicht. Unter extremem finanziellem Druck zu stehen, ist nämlich alles andere als leistungsfördernd!
Und noch ein Tipp, um in die
Presse zu kommen und mal das eine oder andere Preisgeld mitzunehmen: Mittlerweile gibt es immer mehr Triathlon-Wettkämpfe weltweit, bei denen aber nicht immer alle Top-Athleten am Start sind. Oder kurz vor
Hawaii, wenn die Weltelite sich auf die WM vorbereitet, lässt sich ein Rennen auch schon mal etwas leichter gewinnen.
Wird denn Deiner Meinung nach in Deutschland der Nachwuchs im Triathlon
ausreichend gefördert?
Sicherlich könnte der Triathlonsport konkret noch mehr gefördert werden. Gegenüber anderen Sportarten ist er noch immer recht unbekannt – auch bei talentierten
Nachwuchssportlern. Andererseits ist das klassische Triathlontraining ziemlich grobmotorisch, und es kann auf Dauer schnell langweilig werden, wenn Kinder zu früh damit beginnen.
Viel wichtiger wäre es
eigentlich, den natürlichen Umgang mit der Bewegung und dem Sport nicht so zu vernachlässigen, wie das derzeit geschieht. Immer mehr Jugendliche verbringen all ihre Zeit am Computer und bewegen sich
allenfalls mal im Schulsport, dann aber meist ohne große Begeisterung. Von daher ist auch fraglich, ob der Schulsport als Lösung ausreichen würde. Schließlich gehen die Erwachsenen oft nicht gerade mit gutem
Beispiel voran.
Es ist ja schon verrückt: Da leistet es sich eine Gesellschaft, einige Profi-Sportler dafür zu bezahlen, dass sie nichts anderes tun als essen, trainieren und schlafen. Und alle
anderen hocken mit der Chipstüte vorm Fernseher...
Meines Erachtens liegt der gesellschaftliche Nutzen der Spitzensportförderung darin, dass zwei, drei Weltmeister möglichst viele motivieren,
Sport zu treiben, was der Gesundheit der Allgemeinheit dient.
Du hast für 2011 die Schirmherrschaft über die Junior Challenge in Roth am 9. Juli übernommen und startest dort auch in der
Staffel. Wie kam es dazu?
Die Anregung kam von Bernhard Nuss, und ich habe sie gern aufgenommen. Es würde mich freuen, wenn es hilft, auch Menschen, die bisher noch nichts mit Triathlon am
Hut haben, zum Sport zu bringen. Oder wenn all jene, die am Sonntag bei der Quelle Challenge starten, am Tag vorher mit ihren Familien einen tollen Event erleben!
Ich frage mich außerdem, was ich für mein
Leben als Profi der Gesellschaft zurückgeben kann. Und so verstehe ich mich als Botschafter des Sports. Ich weiß, dass ich durch meine Bekanntheit eine gewisse Vorbildfunktion habe und freue mich, als
Gegenleistung für meinen „Beruf“ andere Menschen zum Sport – zum Triathlon oder auch allgemein – motivieren kann.
Das ist auch das Ziel des neuen Buches aus dem Sportwelt Verlag: „So kommen
Sie in Schwung – Triathlon für Couchpotatoes“. Hoffen wir also mal, dass sich 2011 besonders viele Menschen von dem Motto angesprochen fühlen...
Ja, ich denke, Triathlon ist durchaus eine
tolle Sache, um überhaupt mit Sport zu beginnen. Und es tut auch wirklich Not: Weltweit werden immer mehr Menschen übergewichtig und krank. Das liegt an einer hochgradig ungesunden Mischung aus
Bewegungsmangel und falscher Ernährung. Vor allem in den arabischen Ländern ist Diabetes extrem weit verbreitet. Die Menschen dort haben einfach keinen Bezug zu Bewegung oder gar Sport. Und dadurch, dass sie
im 21. Jahrhundert plötzlich mit einem ungeahnten Ernährungsüberfluss konfrontiert sind, kommt es jetzt verstärkt zu solchen Krankheiten.
Du bist ja nun schon viel in der Welt herumgekommen.
Siehst Du in anderen Ländern „nur“ die Wettkampfstrecken oder auch etwas von Land und Leuten?
Nun ja, verglichen mit den meisten Pauschaltouristen, die nach Antalya oder Mallorca fliegen und
dort ihre Zeit im Hotel oder am Strand verbringen, sehe ich sicher mehr. Ich versuche immer, möglichst viele neue Eindrücke mitzunehmen, und als erfolgreicher Sportler hat man es da leichter, schon wegen der
vielen Kontakte.
Wo gefällt es Dir denn am besten? Und warum?
Also je mehr ich gereist bin, desto mehr bin ich zu der Überzeugung gekommen, dass ich mir nur in Deutschland,
Österreich oder der Schweiz vorstellen kann zu leben. Andere Länder sind teils landschaftlich, kulturell oder kulinarisch gesehen wahnsinnig schön oder interessant, aber echte Lebensqualität gibt es für mich
nur in den drei genannten Ländern.
Du hast Mitte der Neunziger Jahre mit Triathlon angefangen. Inwiefern hat sich denn der Sport seither verändert?
Heutzutage machen viel
mehr Leute Triathlon, so dass es immer mehr Wettkämpfe in aller Welt gibt. Entsprechend enger ist auch die Leistungsdichte in den Wettkämpfen geworden. Außerdem ist Triathlon mittlerweile olympisch, wodurch
es auch von Nichtsportlern stärker wahrgenommen wird. Allerdings wird in den Medien höchstens über zwei, drei große Wettkämpfe berichtet, so dass während elf Monaten im Jahr „Funkstille“ herrscht. Der
Ironman auf Hawaii ist somit zwar nach wie vor der
Triathlonwettkampf schlechthin, aber auch Nichttriathleten haben inzwischen etwas mehr Bezug zu kürzeren Triathlonrennen als früher. Und bekommen hoffentlich Lust, es auch mal zu probieren...
Dann wünsche ich Dir für die Zukunft noch viele tolle Wettkämpfe und dass Du mit Deiner eigenen Motivation diejenigen Leute „ansteckst“, die es so nötig haben! Herzlichen Dank auch, dass Du Dir die Zeit
für das Gespräch genommen hast.