|
Erst klinisch tot, dann umso lebendiger
Bernhard Nuss ist ein Energiebündel, dessen Tatendrang geradezu ansteckend wirkt – und der doch dem Tod schon ins Auge geblickt hat. Damals war ihm im Magen eine Hauptschlagader geplatzt, und er drohte
innerlich zu verbluten. Sein Geist hatte ereits den Körper verlassen und ging einige Stufen auf ein unglaublich helles Licht zu ... bis er erfolgreich wiederbelebt und der Geist zurück in den Körper geholt
wurde. Auch um die Jahrtausendwende war Bernhard als selbstständiger Außendienstler ständig auf Achse, bis er 2001 mit Burnout-Problemen und Suizidgedanken zu tun hatte. Seine Frau beschloss
einzugreifen, und überredete ihn, der bis zu seinem 40. Lebensjahr ausschließlich Fernsehsport betrieben hatte, zu einer ersten gemeinsamen Radfahrt auf dem alten Mountainbike: eine Stunde durch die
Nürnberger Vororte. Abschreckende Vorstellung? Von wegen! Wundersame Initialzündung Schon am nächsten Tag stand Bernhard in einem Fahrradladen und kaufte sich ein neues Mountainbike, mit dem er von nun an immer längere Touren unternahm. Nur wenige
Wochen später besuchte er seinen Bruder, der ihm kurzerhand sein Rennrad schenkte, das in der Garage ohnehin nur zustaubte.14 Tage später suchte Bernhard bereits einen Rennradverein auf, musste aber nach
mageren 5 Kilometern umdrehen, weil er das Tempo der anderen nicht mithalten konnte. Also trainierte er fleißig allein, ging ein paar Wochen danach erneut zum Radtreff ... und schaffte es diesmal immerhin
bis zum ersten Berg. Im dritten Anlauf hat es dann geklappt, und Bernhard hielt mit. Als die nächste Monatsausfahrt mit weit über hundert Kilometern anstand, war klar, dass er ebenfalls dabei sein
wollte. In Begleitung eines älteren Fahrers, der ihn vor allem an den Anstiegen bremste, gelang dies auch spielend – und nach den Abfahrten holten die beiden die Gruppe stets wieder ein. Und so kam er zu der
Erkenntnis: Wer langsam fährt, kommt auch ins Ziel! Von da an steigerte Bernhard sich zunächst auf 3.000, dann 6.000 und 2004 sogar auf 13.200 Rennradkilometer pro Jahr! Doch 2004 hielt noch
ein weiteres Schlüsselerlebnis parat: Als Zuschauer beim Quelle Challenge in Roth erlebte Bernhard das Gänsehautgefühl am Solarer Berg hautnah mit. Und mittlerweile dürfte klar sein, dass er sofort
beschloss, im nächsten Jahr selbst mit von der Partie zu sein. Verrückt? Ja, aber warum nicht! Am folgenden Tag wurden also die Turnschuhe hervorgekramt und zu einem Testlauf genötigt – der ganze
1.000 Meter lang war. Die erschreckende Lehre, dass ein guter Radfahrer noch lange nicht gut laufen können muss, führte ihn im Spätherbst dann zu einem Lauftreff, der jeweils Dienstags abends stattfand und
nun sein sportliches Wochenhighlight war. Durch diese Laufgruppe wurde er auch auf das Programm „Von 0 auf 42 in drei Monaten“ aufmerksam, dem er sich begeistert anschloss, um beim Nürnberg Marathon
erstmals die für den Quelle Challenge nötige Laufdistanz kennenzulernen. Durch die Marathonhölle In der Woche vor dem langersehnten Marathon-start hatte Familie Nuss
begonnen, das Haus zu renovieren, und Bernhard hatte teils akrobatische – und alles andere als laufspezifische – Übungen absolviert. Derart „vorgeschädigt“ spielte ihm die Muskulatur beim Marathon ab
Kilometer 20 einen Streich und machte zu. Nur mit der wortreichen Unterstützung seines Laufpaten, der ihn außerdem oft an die Hand nahm und somit regelrecht ins Ziel „zog“, schaffte Bernhard tatsächlich
seinen ersten Marathon in 4:29 Stunden ... und erlebte ein unbeschreibliches Runner‘s High. Allerdings konnte er dann eine Woche lang Treppen nur rückwärts runtergehen und musste sich beim Aufstehen von der
Couch helfen lassen... Wieder ein unglaublich helles Licht Noch im gleichen Jahr ließ sich Bernhard zu einem weiteren Marathon
hinreißen, um diesmal die 4-Stunden-Marke zu knacken, kam aber wegen Magenproblemen nur in 4:05 ins Ziel und war ziemlich frustriert. Als ein Kollege aus dem Lauftreff vorschlug, ihn in Frankfurt als
Zugpferd zu begleiten, hatte er zunächst keine Lust, nahm das Angebot dann aber an. Und tatsächlich gelang es ihm – nur zehn Monate nach seinen ersten Laufmetern –, im dritten Marathon des Jahres und trotz
erneut großer Magenprobleme, die verflixte 4-Stunden-Marke zu unterbieten. Es kostete seinen Laufpartner allerdings ebenso große Überredungskunst wie Bernhard Durchhaltewillen: nach 3:59:36 Stunden war er im
Ziel ... und dachte, er müsse sterben. Das Gefühl kannte er ja schon! Vor ihm ein unglaublich helles Licht, das immer näher kam... bis er merkte, dass es sich um eine Fernsehkamera handelte. Der er dann in
einer Mischung aus Stolz und Erleichterung seine Stoppuhr entgegenhielt und sagte: „Ich hab‘s geschafft! Hier: 3:59:36 – und jetzt sterbe ich!“ Auf dem Heimweg klingelte dann ständig sein Handy, weil zig
Freunde ihm gratulieren wollten. Sie hatten ihn in der Sportschau gesehen, weil dort sein „Auftritt“ gesendet worden war.
Mit Blut im Schuh bis KM 212 Dies war der
Durchbruch, und im nächsten Jahr nahm er bei einem Benefizlauf in Amberg an seinem ersten Ultralauf über 63 Kilometer teil. Außerdem wollte er endlich sein Debüt über die Triathlon-Langdistanz feiern. Frischen Mutes und mittlerweile auch gut vorbereitet ging Bernhard 2006 also an den Start des Quelle Challenge in Roth. Seiner eigenen Aussage zufolge schwimmt er wie ein Rechtsanwalt ... Er geht
der Sache auf den Grund. Doch es war nicht so sehr eine langsame Schwimmzeit, die für Probleme sorgte, sondern eine Glasscherbe, an der er sich beim „Gründeln“ den Fuß aufschlitzte. Auf den 180 Radkilometern
ließ sich der Schmerz noch ignorieren, nicht aber beim Laufen. Zwar offenbarte ein Blick auf den Fuß eine klaffende Wunde, doch Bernhard entschied sich für Aspirin und Weiterlaufen. Bei Kilometer 28 – nur 14
Kilometer vor dem Ziel – wurde er allerdings von Sanitätern gestoppt, die ihm auch kurzerhand den Zeitmess-Chip abnahmen: Sein ursprünglich weißer Laufschuh war mittlerweile blutrot. 2010 startete er einen
weiteren Anlauf auf die Ironman-Distanz in Regensburg. Doch wie so häufig in seiner Sportkarriere war auch dieser Ansatz vom Pech verfolgt: Nachdem er das ungeliebte Schwimmen bereits in seinem Zeitlimit
überstanden und auch die Radstrecke problemlos hinter sich gebracht hatte, fühlte er sich schon fast im Ziel – schließlich ist für den erfahrenen Ultraläufer so ein Marathon ein besserer Regenerationslauf.
Doch bei Kilometer 2 der Laufstrecke setzte übler Brechdurchfall ein, und elf Kilometer später brach er mit einem Kreislaufkollaps regelrecht zusammen. Die Ironman-Premiere ist also wieder
aufgeschoben, aber beileibe nicht aufgehoben! Lang, länger, ultra Seit dem Amberger Benefizlauf folgten übrigens – wie immer im
Hauruckverfahren – zahlreiche weitere Ultraläufe. Schon bald nach dem ersten 6-Stunden-Lauf nahm er an einem 24-Stunden-Lauf teil. Außerdem lief er 2007 erst die 100 Kilometer von Biel und am nächsten Tag
(!) den Fürth Marathon. Das alles war möglich, weil Bernhard seinen Job mittlerweile an den Nagel gehängt hatte, um sich uneingeschränkt dem Sport zu widmen. Und zwar dem Sport, den vor allem andere
Menschen treiben sollten. Noch unsportliche oder übergewichtige Menschen, denen er einen Teil der Freude und des Glücks weitergeben wollte, die er selbst durch den Sport erfahren hat, und so gründete er den
Verein Never Walk Alone. Dort begleitet er Neulinge bei ihrem ersten Training, ihrem ersten Wettkampf, oder auch bei ihrem ersten 100-Kilometer-Lauf. Aber das ist eine andere Geschichte –
und über die wird die Februar-Ausgabe der Trinews berichten. zurück zur Liste der Athletenportraits |